aquila non captat muscam

Theoderich an Chlodwig

17. 12. 07 Mo

Hab Sie ja um Geduld gebeten, denn eine Sache steht schließlich noch aus. Aber bevor dies Jahr 2007 zu Ende geht, sollte doch noch dem nun 1500. Jubiläum eines wahrhaft denkwürdigen Briefes gedacht werden. Ein Jubiläum, das meines Wissens keine namhafte Zeitung oder sonstiges Medienformat bis dahin aufgegriffen hat, sei hiermit angezeigt. Und zwar handelt es sch dabei um ein historisches Dokument von einer Eindringlichkeit und Klugheit, die man in diesen barbarischen Zeiten nach dem Untergang des Römischen Reiches nicht so ohne weiteres erwarten dürfte. Im Zentrum des Briefes die staatsmännische Bitte, keine übermäßige Härte walten zu lassen und einen verträglichen Friedensschluß zu erzielen und damit die Zukunft zu gewinnen. Ein weiser Rat, der übrigens auch dem 20. Jahrhundert in einigen wesentlichen Konflikten sehr wohl angestanden hätte. Es geht in diesem Brief speziell um die Unterwerfung der Alamannen nach dem siegreichen Feldzug chlodwigs im Jahr 506. Überliefert ist dies Schreiben vom römischen Schriftsteller und Staatsmann Cassiodor.

BRIEF

DES OSTGOTENKÖNIGS

THEODERICH DER GROSSE

AN DEN FRANKENKÖNIG

CHLODWIG I.

Stolz auf die ruhmvolle Verwandtschaft mit Eurer Tapferkeit wünschen wir Glück, daß Ihr das Frankenvolk aus seiner früheren Untätigkeit glücklich zu neuen Schlachten aufgerufen und Euch die Alamannen nach dem Fall ihrer Tapfersten gebeugt und mit Eurer siegreichen Rechten unterworfen habt. Nachdem aber ihre Ausschreitung schon bei den Anstiftern zur Treulosigkeit beschnitten werden kann und die strafbare Schuld der Führer doch nicht an der Allgemeinheit gerächt werden soll, so mäßigt Eure Erbitterung gegen den erschöpften Rest. Übrigens verdienen doch jene Gnade, die sich so deutlich in den Schutz Eurer Verwandten geflüchtet haben. Habt Nachsicht gegen sie, die sich verschüchtert in unserem Gebiete verborgen halten. Es ist ein denkwürdiger Triumph, dem wilden Alamannen solches Entsetzen eingejagt zu haben, daß er sich gezwungen sieht, Dich um sein Leben anzuflehen. Laß es Dir genügen, daß der König mit dem Stolz seines Volkes gefallen ist, laß es Dir genügen, daß der Stamm mit seinen zahllosen Kriegern zum Teil Deinem Schwert erlegen und zum Teil Dir dienstbar geworden ist! Denn wenn Du mit dem Rest noch weiter kämpfst, dann wird man nicht glauben, daß Du alle besiegt hast. Nimm einen Rat an von einem, der in diesen Dingen eine große Erfahrung hat: Alle Kriege, die mit Mäßigung beendet worden sind, hatten für mich ein günstiges Ergebnis. Der erntet einen beständigen Sieg, der alles mit Maßen zu behandeln weiß, während ein erfreuliches Gedeihen eher jenen schmeichelt, die sich nicht in allzu großer Härte versteifen. Gib also in Milde unserem Geiste nach, weil doch die Freundschaft dem Beispiel des Freundes zu folgen pflegt. Damit erfüllt Ihr auch unsere Bitten, und braucht Euch keine Sorge über unser Verhalten zu machen. Euer Heil ist ja stets unser Ruhm, und sooft wir eine gute Nachricht von Euch erhalten, glauben wir auch, daß unser Reich in Italien dadurch gewinnt.

Zugleich senden wir Euch - Eurer Bitte entsprechend - einen ausgezeichneten Zitherspieler, der Eure ruhmreiche Herrlichkeit zugleich mit wohlklingendem Spiel und Gesang zu erfreuen vermag. Wir hoffen, das wird Euch angenehm sein, weil Ihr auf seine Entsendung großen Wert gelegt habt.

18.12.07 00:28

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