Pferd im Aquarium
Costnitz, den 19. 1. 10, Di
Gegensätze sind das natürlichste von der Welt. Überall, wo man auch hinschaut, diese Fluktuation um zwei Pole, zwischen denen es ständig hin und her springt und zuweilen auch flackert. Anders dürfte wohl das ganze Geschehen, was wir Welt und Leben nennen, garnicht funktionieren, zumindest auf dieser materiellen Ebene. Die Pole auf dem Globus, die Pole der Batterie, ebenso Tag und Nacht, Licht und Schatten, einatmen und ausatmen, Frauen und Männer, Gedankenmenschen und Tatmenschen, seßhafte Völker und Nomadenvölker, Flora und Fauna, nomen et omen usw. usf. - immerfort zwei Prinzipien, die miteinander ringen und doch einander bedingen, ja einander bedürfen. Die Gegensätze halten die Dinge in Bewegung und über weite Strecken auch im Gleichgewicht, lateinisch Äquilibrium (was wunderhübsch melodisch klingt und mich für kurz an ein Pferd im Aquarium denken laßt). Die Gegensätze sind also systemimmanent und konstitutiv und sollten daher als eine eherne Regel akzeptiert werden, anstatt mutwillig in Frage gestellt, verwässert und eingeebnet zu werden - wie das heute im großen Stil noch immer Mode ist, gleichviel ob es sich um die beiden Geschlechter, um Völker, Rassen, Religionen, Hierarchien, Altersstufen oder Temperamente handelt. Die Gegensätze werden am liebsten weckdiskutiert und offensichtliche Unterschiede als ein (nicht besonders wichtiges) Merkmal unter vielen anderen einfach kleingeredet oder gleich ganz ausgeblendet. Denn für die große Vereinheitlichung, die mit aller Macht und allen Tricks gestemmt werden soll - mit der ganzen Welt als Verfügungsmasse und den Menschen als Manövriermasse - stören sie nur. Dabei scheint es aber ganz im Sinne der Natur, gewisse Gegensätze als gegeben hinzunehmen und die Unterschiede statt zu verwischen als Ausdruck bzw. Abdruck der eigenen Identität hochzuhalten und gegenüber anderen herauszustellen. Was jedes Tier und jeder Primitivo instinktiv erfaßt und deutlich zum Ausdruck bringt, ist unserer Spätzeit, dieser vor sich hin modernden Moderne, ein Dorn im Auge. Und wer sich darauf kapriziert, die Unterschiede herauszuarbeiten und sie aufleben zu lassen (vive la différence), kann sich heutzutage leicht bei den Gleichheitsaposteln, Kulturnivellierern und Werterelativerern sowie bei den Langzeitstrategen unbeliebt machen.
In Sachen Modernde Moderne hier noch ein Verweis.
Ach, da noch eine verlorene Zeile:
Es schwebt ein Schatten überm Land … -Ff-
Musikspür: Alan Parsons Project - Lucifer
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